Sportunterricht in der Schule: Unverzichtbar
Jedes Mal wenn ein Kind rennt, klettert oder einen Ball wirft, passiert im Gehirn etwas Bemerkenswertes. Körperliche Bewegung regt die Bildung neuer Synapsen und Neuronen an, verbessert die Durchblutung und erhöht die Konzentration wichtiger Neurotransmitter. Kurz gesagt: Sport macht schlau. Trotzdem kämpft der Sportunterricht in deutschen Schulen mit strukturellen Problemen, sinkender Unterrichtsqualität und einem erschreckenden Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen.
Was Bewegung mit dem Gehirn und dem Lernerfolg macht

Ein Spaziergang steigert das Erinnerungsvermögen um bis zu 20 Prozent – das zeigen Studien zur Wissensaneignung. Kein Wunder also, dass Bewegung und Denken untrennbar verbunden sind. Julia Besch, Sportwissenschaftlerin und Grundschullehrerin in Esslingen nahe Stuttgart, bringt es auf den Punkt: Kinder begreifen die Welt über Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes. Propriozeption – die ständige unbewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum – schult nicht nur Motorik, sondern auch kognitive Verarbeitungsprozesse.
Sport in der Schule liefert genau dieses „Selbst tun“. Dazu kommt: 30 Minuten Unterricht kombiniert mit 15 Minuten Bewegung bringen nachweislich mehr als 45 Minuten Frontalunterricht. Besonders bei jüngeren Schülern macht das einen enormen Unterschied – ein Kind zwischen 5 und 7 Jahren konzentriert sich maximal 15 Minuten am Stück, bei den 12- bis 14-Jährigen sind es 30 Minuten. Wer Kinder stundenlang am Schreibtisch festhält, arbeitet gegen ihre Biologie. Auch Themen wie Wettanbieter Österreich zeigen, wie stark sich Inhalte und Interessen im digitalen Umfeld heute auf Jugendliche auswirken.
Bewegung fördert außerdem exekutive Funktionen, also jene kognitiven Fähigkeiten, die Denken, Planen und Verhalten steuern. Neurotrophe Wachstumsfaktoren, die durch körperliche Aktivität ausgeschüttet werden, sind für die Neubildung und Vernetzung von Nervenzellen verantwortlich. Sport in den frühen Schulstunden reduziert Müdigkeit und steigert die Aufmerksamkeit für nachfolgende Fächer spürbar. Und dennoch verbringen die Deutschen laut der Deutschen Krankenversicherung DKV durchschnittlich 8,5 Stunden pro Tag im Sitzen – so viel wie nie zuvor.
Warum so viele Kinder sich viel zu wenig bewegen
Die Zahlen der HBSC-Studie von 2022 sind alarmierend. Nur ein Zehntel der Mädchen und ein Fünftel der Jungen zwischen 11 und 15 Jahren erreichen die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 60 Minuten Bewegung pro Tag. Konkret: 90 Prozent der Mädchen und 80 Prozent der Jungen verfehlen dieses Minimalziel. Dabei liegt die Empfehlung in Deutschland für Grundschulkinder sogar bei 180 Minuten täglich, danach bei mindestens 90 Minuten. Das Bewegungs-Zeugnis 2022 stellte Kindern und Jugendlichen in Deutschland nicht besser als eine 4- aus.
Schulleiterin Karina Jehniche berichtet aus dem Schulalltag, dass nahezu alle Erstklässler körperlich-motorische Defizite aufweisen, wenn sie eingeschult werden. Manche Kinder seien noch nie eine längere Strecke gelaufen. Das hat direkte Folgen für die Gesundheit: Laut der KiGGS-Studie sind 15,3 Prozent der Mädchen zwischen 3 und 17 Jahren übergewichtig – bei niedrigem sozioökonomischem Status steigt dieser Anteil auf 27 Prozent. Das Statistische Bundesamt zeigt, dass 61 Prozent der Männer und 47 Prozent der Frauen in Deutschland übergewichtig sind. Der Trend beginnt in der Kindheit.
Dabei sagen 60 bis 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen, Sport sei ihr liebstes Schulfach. Warum wird dieses Potenzial so selten ausgeschöpft? Eine Umfrage der Journalismus-Plattform Krautreporter Anfang 2022 – mehr als 5.000 Teilnehmende, ein Rekord – zeigte: 80 Prozent derer, die Schulsport als beschämend und demütigend erlebt haben, bewegen sich auch als Erwachsene kaum noch. Eine Studie der Universitäten Paderborn, Augsburg und Löwen belegt zudem, dass viele Kinder im Schulsport von Mitschülern oder sogar Lehrpersonen beleidigt wurden.
Wie Schulen Bewegung besser integrieren können – und warum das jetzt dringend ist

Der Sportwissenschaftler Daniel Möllenbeck spricht offen von einer Krise des Schulsports und einer schleichenden Professionalisierung : Immer mehr Lehrpersonal unterrichtet Sport fachfremd. Die Infrastruktur verschlimmert das Problem. Der Deutsche Olympische Sportbund schätzt den Sanierungsstau bei Sportstätten auf 31 Milliarden Euro. In Köln weisen 80 Prozent der Sportstätten deutliche oder schwerwiegende Mängel auf. In Berlin gibt es nur einen einzigen Bezirk, in dem alle Sporthallen voll nutzbar sind. 59 Prozent der Kommunen melden laut dem Deutschen Institut für Urbanistik gravierende Investitionsrückstände bei Sporthallen, 62 Prozent bei Hallenbädern.
Die Kultusministerkonferenz empfiehlt drei Sportstunden pro Woche – aber in welchem Umfang Unterricht tatsächlich ausfällt, erheben die Bundesländer gar nicht systematisch. Christine Joisten von der Deutschen Sporthochschule Köln mahnt außerdem: Zu viel Notendruck im Sport schadet der Motivation. Die SPRINT-Studie belegt, dass das Notenspektrum im Schulsport fast ausschließlich zwischen eins und drei liegt – pädagogisch fragwürdig.
Konkrete Ansätze existieren bereits. Am Illtal-Gymnasium in Saarbrücken nutzen Schüler ihre Pausen aktiv in der Turnhalle. Bewegte Unterrichtsmethoden wie Walk & Talk, Bewegungspausen oder fachintegrierte Aktivitäten – etwa Laufdiktate im Deutschunterricht oder laufende Rechenmaschinen in Mathematik – zeigen, was möglich ist. Wenn bei einem sechsstündigen Schulvormittag nach jeder Einheit fünf Minuten Bewegung eingeplant würden, wäre die Hälfte der WHO-Empfehlung bereits erfüllt. Das ist keine Utopie. Das ist eine Frage des Willens.
- Bewegungspausen nach jeder Unterrichtseinheit einplanen
- Walk & Talk für Gruppenarbeit und Diskussionen nutzen
- Fachunterricht mit Bewegungselementen verknüpfen
- Trendsportarten wie Klettern oder Raufen ins Programm aufnehmen
- Anstrengungsbereitschaft statt reine Leistung bewerten
Günter Stibbe von der Deutschen Sporthochschule Köln betont, dass Bildungsstandards und Lehrplanentwicklung entscheidend sind – gerade angesichts des wachsenden Anteils motorisch unerfahrener Kinder. Schulsport ist keine Nebensache. Er ist Bildungsauftrag.